
Wetterextreme sind längst keine Ausnahme mehr, sondern prägen zunehmend das „neue Normal“. „Für den Ruhrverband und die AWWR bedeutet dies eine stetig wachsende Herausforderung im Speichermanagement und in der Sicherung der Wasserqualität für die Region“, betonten Prof. Christoph Donner, Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbands, und Bernd Heinz, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR), bei der gemeinsamen Vorstellung der 52. Ausgabe des Ruhrgüteberichts am 30. September 2025 in Essen.
Extreme Jahre in Folge
Das Jahr 2024 brachte gleich mehrere Rekorde: Zum dritten Mal in Folge lag die Jahresmitteltemperatur über 10 °C – ein Wert, der zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen 1881 nie erreicht wurde. Gleichzeitig gehörte 2024 zu den fünf nassesten Abflussjahren mit 30 Prozent mehr Niederschlag als im langjährigen Mittel. Anfang 2024 kam es zudem zu einer außergewöhnlich langen Hochwasserphase über nahezu zwei Wochen. 2025 dagegen zeigt ein völlig anderes Bild: Ein Niederschlagsdefizit von fast 40 Prozent seit Februar und der trockenste März seit über 30 Jahren im Ruhreinzugsgebiet haben zu einer außergewöhnlich frühen Zuschusspflicht aus den Talsperren geführt. Mit 169 Tagen übertrifft die Zuschussdauer deutlich den Wert des gesamten Vorjahres (64 Tage).
Gesetzesänderung stärkt Versorgungssicherheit
Mit der Novellierung des Ruhrverbandsgesetzes im Dezember 2024 wurden die Grenzwerte zur Mindestwasserführung um 3 m³/s gesenkt. Seit der erstmaligen Anwendung am 1. Juli 2025 konnten dadurch rund 22 Millionen Kubikmeter Wasser eingespart werden – fast das Doppelte des Stauvolumens der Ennepetalsperre. „Schon nach kurzer Zeit zeigt sich, dass diese Anpassung die Versorgungssicherheit für 4,6 Millionen Menschen deutlich erhöht hat“, betont Prof. Christoph Donner, Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbands.
Ökologische Veränderungen im Fokus
Auch die Gewässerökologie verändert sich rasant. Die invasive Wasserpflanze Elodea, die heimischen Arten verdrängt, zeigte 2025 erfreulich schwaches Wachstum: Im Baldeneysee wurden nur 9 Tonnen statt 510 Tonnen im Vorjahr gemäht. Dennoch bleibt der personelle und finanzielle Aufwand für die Bekämpfung hoch. Parallel steigen die Wassertemperaturen der Ruhr: Seit 1985 um 1,9 °C, im Winterhalbjahr sogar um 2,1 °C. Folgen sind erhöhter Sauerstoffverbrauch, schlechtere Durchmischung der Talsperren und Sauerstoffmangel in tieferen Schichten. Hinzu kommen gravierende Belastungen in Flüssen und Bächen durch wechselhafte Abflüsse, Niedrigwasserphasen bis hin zum Trockenfallen und Hochwässer, die Lebensräume verkleinern und heimische Arten wie Bachforelle oder Äsche zurückdrängen. Wärmeliebende und invasive Arten wie Grundeln breiten sich dagegen aus.
Fortschritte bei der Nährstoffelimination – neue Herausforderungen durch Spurenstoffe
Seit 1970 konnte die Nährstoffbelastung der Ruhr massiv gesenkt werden: Ammonium-Stickstoff um 96 Prozent, Phosphor um 91 Prozent. Um dieses Niveau zu halten, sind jedoch hohe Reinvestitionen in die Kläranlagen notwendig. Gleichzeitig erfordern die Begleitvereinbarung zur Novellierung des Ruhrverbandsgesetzes und die neue europäische Kommunal Abwasserrichtlinie (KARL) zusätzliche Maßnahmen zur Spurenstoffelimination, wie die Verringerung von Diclofenac. Zwar sieht KARL eine 80-prozentige Kostenbeteiligung der Hersteller vor, doch gerade die Pharmaverbände stellen sich gegen diese Regelung. Sollte das Verursacherprinzip nicht umgesetzt werden, drohen für die Bevölkerung Steigerungen bei den Abwassergebühren in zweistelliger Prozenthöhe (Quelle: BDEW, Die Erweiterte Herstellerverantwortung in der kommunalen Abwasserrichtlinie (2024/3019/EU): ein umweltökonomischer Meilenstein).
Bereits seit Juni 2025 sind aufgrund der Anpassung der Mindestwasserführung Pulveraktivkohledosierungen an zwei Kläranlagen in Betrieb, die Diclofenac erfolgreich reduzieren. Der Ruhrverband ruft jedoch auch die Bürgerinnen und Bürger auf, ihren Beitrag zu leisten: „Wer auf Schmerzsalben mit Diclofenac verzichtet, und stattdessen ärztlichen Rat einholt, schützt aktiv unsere Gewässer.“
Ausblick: Der Klimawandel verändert die Rahmenbedingungen für Wasserwirtschaft und Gewässerökologie tiefgreifend. Der Ruhrverband sieht sich in der Verantwortung, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. „Doch nur gemeinsam mit Politik, Industrie und Bevölkerung können Lösungen für eine klimaresiliente Zukunft entwickelt werden. Auch die ökologischen Zielbilder zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie müssen an die neuen Realitäten angepasst werden“, fordert Prof. Christoph Donner.
Die 18 Mitgliedsunternehmen der Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr e.V. (AWWR) sorgen für eine mengenmäßig stets ausreichende sowie qualitativ einwandfreie Trinkwasserversorgung von rund 4,6 Mio. Menschen, Gewerbe und Industrie an der Ruhr. Die aktuell durch das Land erstellte NRW-Wasserstrategie eröffnet die Chance, erforderliche und innovative Konzepte und Maßnahmen für eine weiterhin zukunftsfeste Wasserversorgung im Ruhreinzugsgebiet umzusetzen.
Wassermengenwirtschaft und -qualität
Rechtzeitig konnte der Ruhrverband ab Juli dieses Jahres das neue Niedrigwassermanagement zur Schonung der Talsperrenfüllstände anwenden. Die AWWR unterstützt dies ausdrücklich, um lange Trockenphasen ohne Versorgungseinschränkungen meistern zu können.
Qualitativ gab es weder im wasserreichen Jahr 2024 noch im bisher niederschlagsarmen Jahresverlauf nennenswerte Auffälligkeiten bei Roh- und Trinkwasser zu verzeichnen. Dennoch wird die Qualitätsüberwachung mit modernen Methoden weiter ausgebaut bzw. verdichtet. Zudem schreitet der Bau der zwei letzten großen Trinkwasserausbereitungsanlagen im AWWRGebiet in Halingen und Warmen planmäßig voran. „An der Ruhr haben wir nun eine gesicherte Mengenversorgung bei fortschreitendem Klimawandel erreicht. Jetzt stehen Qualitätsaspekte und Resilienzmaßnahmen im Fokus“, so der AWWR-Vorsitzende Bernd Heinz.
Die Wasserversorger stehen vor der Herausforderung, eine wachsende Zahl rechtlicher Vorgaben und Verwaltungsprozesse berücksichtigen zu müssen. Aus Sicht der AWWR-Mitglieder sind bei grundlegenden Fragestellungen und bei der Umsetzung von Maßnahmen zur langfristigen Sicherung der Trinkwasserversorgung in NRW bisher nur begrenzte Fortschritte erkennbar. So entwickeln sich etwa die Hochwasserschutzmaßnahmen nach dem Starkregenereignis im Juli 2021 nur schrittweise, überregionale Versorgungsansätze erfordern längere Planungszeiträume und Genehmigungsverfahren gestalten sich vielfach komplex und langwierig.
NRW-Wasserstrategie
Das NRW-Umweltministerium erstellt bis zum Jahreswechsel eine NRW-Wasserstrategie unter Beteiligung der Wasserversorger. „Eine ambitionierte NRW-Wasserstrategie muss die Leitplanken für eine zukunftsfeste Trinkwasserversorgung aufzeichnen und diese mit konkreten sowie innovativen Maßnahmen auch umsetzen“, so Bernd Heinz.
Die Anpassung des Niedrigwassermanagements an der Ruhr hat von den ersten Erkenntnissen Ende 2018 bis zur rechtlichen Umsetzung in einem komplexen und aufwändigen Prozess insgesamt sechs Jahre in Anspruch genommen. Glücklicherweise konnten zwischenzeitlich Wasserengpässe an der Ruhr vermieden werden.
Dieser Fall zeigt, dass wir künftig deutlich schneller und pragmatischer Anpassungen an die veränderte Lage vornehmen müssen. Neben den Folgen des Klimawandels wie Trockenheit und Hochwasser stehen u. a. Qualitätsaspekte, Sicherheitsfragen und die Energieversorgung im Fokus. Trinkwasser aus der Ruhr ist Lebensgrundlage für Menschen und Wirtschaft der Region.
Daher ist die neue NRW-Wasserstrategie eine Chance, neben wasserfachlichen Aspekten zu Wassermenge/-qualität und Umwelt, auch umsetzbare Elemente zu Hochwasserschutz, Verbundausbau mit überörtlicher Versorgung sowie konsequenter Digitalisierung und Transparenz zu schaffen. Ergänzend sind Finanzierungsfragen der Zusatzmaßnahmen zu lösen. Hierzu Bernd Heinz: „Wir erwarten, dass die NRW-Wasserstrategie mutige Schritte zur Beschleunigung von Prozessen, zur Reduzierung bürokratischer Hürden und zur praxisnahen Umsetzung vorsieht, da sonst viele zukunftsorientierte Projekte an der Ruhr unter den aktuellen Rahmenbedingungen nur eingeschränkt oder gar nicht realisierbar sind.“ Die AWWR-Mitglieder bringen gerne konkrete Vorschläge ein, um das Umsetzungstempo zu steigern.
Link zum Herunterladen des Ruhrgüteberichts 2024
Bildunterschrift: (v. l.) Bernd Heinz, Vorsitzender der AWWR, und Prof. Christoph Donner, Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbands, stellten gemeinsam den Ruhrgütebericht 2024 der Öffentlichkeit vor. Quelle: Ruhrverband